|
|
Kirchen, Orgeln und Glocken in Münster
Altstadt - kath. St. Ludgeri-Kirche | Gotik setzt genialem Stückwerk die Spitze aufBeim Anblick einer Abbildung des heiligen Liudger mit dem Modell einer Kirche auf dem Arm stellt sich zunächst die Frage: Essen oder Münster? Die Abteikirche des von ihm gegründeten Klosters oder die spätmittelalterliche Stifts- und Pfarrkirche am Ort seiner Bistumsgründung? Beide Sakralbauten weisen als charakteristisches Merkmal einen Vierungsturm auf, sodass die Unterscheidung nicht immer leicht fällt. Ob die Erbauer der Münsterschen Ludgerikirche bewußt auf diese Verwechslungsmöglichkeit gezielt haben?
Wohl kaum, denn das äussere Erscheinungsbild von St. Ludgeri war nicht von Anfang an so herausragend, wie es sich heute darbietet. Es begann zunächst mit einer schlichten hölzernen Kapelle, die im Jahr 1173 von Fürstbischof Hermann von Katzenellenbogen von St. Lamberti abgepfarrt wurde. Kurz darauf wurde ein Kollegiatstift mit 12 Kanonikern gegründet, das bis 1811 Bestand hatte.
Der zwischen 1180 und 1220 ausgeführte dreischiffige Bau mit dreifacher Rundapsis und zweigeschossigem, achteckigem Vierungsturm bildete das erste Beispiel für den Typus der Stufen-Hallenkirche in Westfalen. Er erhielt sein Licht nicht mehr durch das Obergeschoss des Hauptschiffs, sondern durch die Fenster der Seitenschiffe.
Aus der Verwüstung durch den grossen Stadtbrand 1383, bei dem über 400 Häuser im Südviertel in Flammen aufgingen und zu dessen Gedächtnis heute noch die "Grosse Prozession" stattfindet, ging die Ludgerikirche umso schöner hervor: Ein völlig neuer Chor mit erheblich höherer Dachlinie als das romanische Hauptschiff wurde übertrumpft von zwei zusätzlichen gotischen Geschossen auf dem Vierungsturm. Im Innern offenbart ein Blick nach Osten die Kunst des Baumeisters, der um 1400 den neuen Chorraum mit einem optischen Trick der Gefahr einer Perspektivverengung enthob.
Die "üblichen Verdächtigen" - also die religiösen Puristen des 16. und die kunsthistorischen Puristen des 19. Jahrhunderts - haben zwar nicht umfassend, aber doch erkennbar in das äussere Erscheinungsbild eingegriffen. Während erstere heute noch sichtbare Beschädigungen am Taufstein verursachten und (wie bei der Überwasserkirche) die Spitze vom Turm, bauten letztere 1875 die Westtürme nach dem Vorbild der Kölner Kirche St. Gereon aus. Das oberste Geschoss des Vierungsturms war um 1900 stark verwittert und wurde vollständig neu aufgesetzt.
Auch aus dem Zweiten Weltkrieg ging die Kirche zwar weniger geschädigt hervor als etwa Dom, Clemenskirche oder St. Joseph. Dennoch zeugt beispielsweise ein hölzernes, 1929 von Heinrich Bäumer geschaffenes Triumphkreuz ohne Arme und mit einem Bombensplitter im Herzen von den Schreckensnächten 1943-45. Der Wiederaufbau durch den Architekten F. Kleibel dauerte immerhin bis 1960.
Folglich ist von der reichhaltigen Ausstattung nur ein Teil historisch - und auch nicht alles war ursprünglich für die Münster bestimmt. So kam der Flügelaltar erst 1998 aus Kärnten durch eine Erbschaft hierher, und der barocke Orgelprospekt stand bis 1959 in Warendorf. Original ist das Chorgestühl des frühen 16. Jahrhunderts mit seinen filigranen Schnitzereien. Die 1961 von Vincenz Piper geschaffenen, von den Farben Blau und Gelb dominierten Fenster des Hochchors thematisieren den Heilsweg Christi von der Geburt über Kreuzestod und Auferstehung bis zur verheissenen Wiederkunft - umgeben von figürlichen Glaubenszeugen.
Zu dem reichhaltigen Kirchenschatz zählt neben zahlreichen Paramenten ein teilvergoldetes Kapitelskreuz des späten 14. Jahrhunderts, das eine Kreuzpartikel in einem viereckigen Kristallbehälter birgt.
Auf dem Marienplatz vor der Kirche steht - ohne erkennbaren Bezug zum Kirchengebäude - eine 1899 vom münsterschen Mäzen Joseph Hötte und seiner Frau Emilie gestiftete freie Nachbildung der Münchner Mariensäule. | | | |
|
|