Von der Mistgabelgotik zur Müllerpfeife: Münsters einzige "Schnitker"-OrgelBräuchte die Hauptorgel in der St. Josephs-Kirche in Münster eine Visitenkarte, hätte sie ein Problem: Welcher Name stünde darauf? Der ihres ursprünglichen Erbauers, von dem die ältesten Register stammen? Oder der des Orgelbauers, von dem der weitaus größte Teil des Pfeifenwerks herrührt? Oder der desjenigen Meisters, der eine runderneuerte Technik mit einem neuen Spieltisch und den alten Pfeifen zu einem neuen Ganzen zusammengefügt hat? Um allen gerecht zu werden, stünde auf der Karte: "Crapp-Steinmeyer-Kreienbrink-Fleiter".
Pfiffige Münsteraner nennen das Instrument einfach "Schnitker-Orgel". Natürlich nicht nach dem berühmten Hamburger Orgelmacher des 17. Jahrhunderts. Sondern nach dem früheren Handwerkspräsidenten Paul Schnitker, dessen traditionsreiche Malerfirma gegenüber der Kirche auf der anderen Seite der Hammer Straße beheimatet ist. Von ihr stammt die dunkelbraune Farbfassung bei der letzten Restaurierung.
Nachdem 1905 der prächtige neugotische Bau eingeweiht worden war, stand schon 1911 auf der Westempore - vor der heute vermauerten Fensterrosette - eine 50 Register umfassende Orgel des Münsterschen Orgelbaumeisters Friedrich Fleiter. Auch dieses Instrument überlebte wie so viele andere die schweren Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs nicht.
Nach dem mühsamen Wiederaufbau der Kirche gab man 1958 allerdings kein neues Instrument in Auftrag, sondern erwarb in Süddeutschland eine gebrauchte Orgel. In der Ansbacher Johannis-Kirche hatte man kurz zuvor der österreichischen Firma Rieger einen Neubau-Auftrag erteilt. Die alte Orgel wurde also nach Münster verkauft und der jungen Osnabrücker Firma Matthias Kreienbrink unter Beibehaltung ihres Äusseren in St. Joseph aufgestellt. 1988 war das technische Innenleben verschlissen. Der Münstersche Orgelbauer Friedhelm Fleiter realisierten einen Umbau, der in technischer Hinsicht einem Neubau gleichkam, klanglich aber den grössten Teil des überkommenen Bestandes beibehielt. Die umfassende Innensanierung des Kirchenraums 2004/05 bot die Gelegenheit, dem Instrument nach Auslagerung und Wiedereinbau einige - angesichts des Schicksals in den vorangegegangenen Epochen - eher geringfügig anmutende Änderungen vorzunehmen. Neben der Beseitigung von Wasserschäden, die durch undichte Fenster verursacht worden waren, wurden einige Merkwürdigkeiten in der Registerverteilung begradigt.
Über den ursprünglichen barocken Prospket von Joh. Crapp ist nichts bekannt. Steinmeyer baute 1872 ein neugotisches Gehäuse mit "getürkten" Prospektpfeifen aus Holz, die mit Blechblenden blankes Zinn vorgaukelten. 60 Jahre später titulierte ein Sachverständiger diesen Stil respektlos als "Mistgabelgotik". Der heutige Freipfeifenprospekt wurde beim Umbau 1937 von dem Architekten Hanns Miller entworfen. Zusammen mit Millers Entwurf für die Gedächtniskirche in Speyer (ebenfalls Steinmeyer) zählt er zu den qualitätvolleren Arbeiten aus einer Zeit, die fast panische Angst vor jeder Form von nichtfunktionalem Zierrat zu haben schien.
Für die Prospektpfeifen aus Zink, denen üblicherweise Ofenrohrbronce einen matten Schimmer verleiht, wählte man bei der Renovierung 2005 eine professionelle Lösung: Der Orgelbauer Friedhelm Fleiter bat seinen Nachbarn im Gewerbegebiet Nienberge um "Amtshilfe". Der ist Autolackierer, und so strahlt der Prospekt jetzt im edlen Silberlack eines Mittelklassewagens. Dass der Organist am Samstagnachmittag mit Autoshampoo und Polierpaste auf der Empore steht, ist allerdings ein Gerücht.
Im Klangbestand des dreimanualigen Instruments spiegeln sich fast 300 Jahre Orgelbaugeschichte wider. Die Crapp-Register ergeben fast eine barocke zweimanualige Dorforgel (ohne Klangkronen). Der frühe Steinmeyer-Anteil von 1872 fügt die romantischen Grundfarben hinzu und das Fundament des Pedalwerks. Die Pfeifenreihen von 1937 sorgen für jene Helligkeit, die für die erste Hochblüte der Orgelbewegung typisch ist. Schließlich setzen die Register von 1988 und 2005 zusammen mit der aktuellen Intonation einen französisch-sinfonischen Akzent, wobei das Instrument hinsichtlich seiner Klangstärke derzeit offenbar an jener Grenze angelangt ist, deren weitere Ausdehnung nur auf Kosten der Klangschönheit möglich wäre.
Auch technisch hat die Orgel alle Höhen und Tiefen der Zeit erlebt: Während 1872 eine mechanische Kegellade, 1937 eine Taschenlade und 1958 eine elektrisch gesteuerte Schleiflade verwendet wurden, verfügt das Instrument seit 1988 wieder über mechanische gepielte Schleifladen mit elektronischen Setzerkombinationen. Und dazu über den ergonomischsten Spieltisch, den es je hatte. Die Registerstaffeln sind halbrund nach dem Vorbild des französischen Orgelbauers Aristide Cavaillé-Coll angeordnet. Zusammen mit dem nach "Kathedrale" strebenden, sehr kernigen Klang des vollen Werks vermittelt das einen Hauch von Paris.
Eine Google-Suche nach dem Register "Tibia pistoris" ergab übrigens (bis zum Erscheinen dieses Textes ;-) eine Fehlanzeige. Folglich muss es sich bei dieser schwebend gestimmten, vierfüssigen Flöte um eine Spezialanfertigung handeln. Der Schlüssel zur Lösung des Rätsels liegt im latinisierten Nachnamen des derzeit an St. Joseph amtierenden Kirchenmusikers Dr. Winfried Müller. (pistor=Müller, tibia=Pfeife).
Es bleibt am Ende zu fragen, was denn der etwas überdimensioniert erscheinende "Türgong" bezweckt, der hoch oben im Mittelschiff unter einem Fenster der Nordwand hängt. Er läutet natürlich nicht, wenn draussen vor dem Portal Kirchenbesucher stehen. Das ist nicht nötig, denn St. Joseph zählt zu den erfreulich "offenen" Kirchen. Er wurde vielmehr bei der letzten Renovierung von einem Gemeindemitglied gestiftet und dient - gespielt über die Manualklaviatur - als besonderer Effekt besonders bei Improvisationen.
Literatur:
- Alfred Reichling: Metamorphosen einer Orgel. Die Steinmeyer-Orgel der St.-Johanniskirche zu Ansbach im Spiegel der Zeiten. In: Alfred Reichling (Hg.): Aspekte der Orgelbewegung. Kassel 1995, S. 383-398. ISBN 3-87537-261-1
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