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Kirchen, Orgeln und Glocken in Münster
Innenstadt - kath. St. Josephs-Kirche | Reduzierte äußere Pracht - Neugotik im Wandel der Zeiten
Aus allen vier Himmelsrichtungen begrüßte den Reisenden, der sich zu Beginn des 20. Jahrhunderts der aufblühenden Stadt Münster näherte, die Silhouette je eines imposanten Kirchbaus: Von Norden Heilig Kreuz, von Osten Herz Jesu, von Westen der mächtige, seit Wiedertäuferzeiten helmlose Stumpf der Überwasserkirche. Im Süden erhoben sich die 75 Meter hohen Zwillingstürme der Josephs-Kirche an der Hammer Straße - bis zu jenem 12. September 1944, als ein alliierter Bombenangriff das Viertel und sein religiöses und architektonisches Zentrum in Schutt und Asche legte.
Bereits im Oktober 1946 war eine Notkirche im abgetrennten südlichen Seitenschiff eingerichtet. Es sollte aber bis 1954 dauern, bis die Kirche wieder ganz in Gebrauch genommen werden konnte. Man mag es dem Geldmangel zuschreiben oder als einen bewußten Verzicht darauf deuten, sich allzu hoch über die - teils sehr kleinräumig wiederaufgebauten - Wohnviertel in der Umgebung zu erheben: die einst so stolzen Doppeltürme tragen seitdem nur noch verstümmelt wirkende Helme. Auch das mächtige Hauptschiffsdach ist ganz ungotisch flach; der ehemalige Vierungsturm fehlt ganz.
Mit einer Notkirche hatte alles auch angefangen. Der enorme Bevölkerungszuwachs auch im Süden der Stadt hatte 1888 zum Bau eines Kirchengebäudes geführt, das mit 1500 Plätzen schon bald als unzureichend empfunden wurde. (Der Begriff "Großraumseelsorge" hätte damals sicher völlig andere Assoziationen ausgelöst als heute). Die neugotische, aus Backsteinen errichtete Pseudobasilika (mit niedrigen Seitenschiffen, aber ohne Fenster im Hauptschiff und Holzdecke auf Eisenträgern) stand an derselben Stelle wie ihr bald darauf errichteter Nachfolgebau - und stammte aus demselben Baubüro.
In der nahegelegenen Südstraße Nr. 36 besaß seit 1864 Hilger Hertel d.Ä. ein Baubüro nebst Steinmetzwerkstatt. Hertel (1831-1890) hatte an der Kölner Dombauhütte gelernt und war unter seinem Halbvetter Vinzenz Statz Bauleiter der Marienbasilika in Kevelaer gewesen. Der neugotisch inspirierte Bischof Johann Georg Müller hatte ihn 1857 zum Diözesanbaumeister ernannt. Von seinem "rheinischen" Gotikstil zeugten 56 Neu- und über 100 Umbauten im Münsterland und im nördlichen Ruhrgebiet. Seine beiden Söhne Hilger d. J. (1861-1918) und Bernhard (geb. 1862) traten nach ihrer Qualifikation als königlich preußische Regierungs-Baumeister in die Fußstapfen ihres Vaters. Während Hilger die Werkstatt als Privatarchitekt fortführte, erlangte Bernhard die Traumposition eines jeden Kirchenarchitekten: er bekleidete von 1903-1927 das Amt des Dombaumeisters in Köln. Die Rolle der Familie Hertel beim Bau der Josephskirche ist sehr augenfällig dokumentiert: An der Nordseite des Hauptschiffspfeilers, der ehemals die Kanzel trug, zeugen heute zwei als mittelalterliche Baumeister gewandete Konsolenträger von der "Last" der Kirchenarchitekten.
Als am 15. November 1905 - begleitet von zahlreichen Honoratioren und 180 "Engelchen" - Bischof Hermann Dingelstadt die imposante Kirche benedizierte, ahnte wohl niemand, dass keine vierzig Jahre später nur noch die Grundmauern stehen würden. Man gratulierte den Architekten zur Verleihung ihres obligatorischen Ordens und überlegte, wie sich die nächsten Anschaffungen finanzieren liessen, die zur Abrundung der Pracht noch fehlten: Eine Orgel, die der Domorgel kaum nachstehen sollte und fünf Glocken. Der geschnitzte Hochaltar war selbstverständlich ebenfalls im Stil der Neugotik ausgeführt, und so muss die Kirche innen wie aussen ein stilistisch sehr einheitliches Bild geboten haben. (Vielleicht ist es gerade eine derartige künstliche Uniformität, die bei heutigen Betrachtern Skepsis beim Vergleich von "Retortengotik" mit organisch gewachsenem mittelalterlichen Formenreichtum auslöst.)
Was nun während der Wirtschaftswunderjahre mehr dazu beitrug, den einstmals farbenprächtigen Innenraum zunächst "auszunüchtern" - die Kriegsverluste, zu denen Altar und Kanzel zählten, oder die Reformbemühungen nach dem Vatikanum, sei dahingestellt. Bereits bei einer Innenraumrenovierung, die 1977 vom damaligen Diözesanbaumeister Eberhard Michael Kleffner und seiner Frau Christa abgeschlossenen wurde, bemühte man sich um ein Raumkonzept, welches die divergierenden Tendenzen zu verbinden suchte: überkommene, himmelstrebende Neugotik und ein buchstäblich nicht mehr "entrückter" Zelebrationsaltar als Zentrum einer schrumpfenden Gemeinde.
Nicht immer hatte man bei den Wiederaufbauarbeiten der 40er und 50er Jahre auf Qualität bei Material und Ausführung achten können. So verwundert es nicht, wenn bereits 40 Jahre später dem einen oder anderen Besucher der spätherbstlichen Orgelkonzerte der an den undichten Fenstern rüttelnde Novemberwind lauter vorkam als das eine oder andere Register der Orgel. Zugwind und trübes Kunstlicht sorgten nicht gerade für eine Vorahnung vom "himmlischen Jerusalem".
Ein Hauch von himmlischer Vorfreude - dies lässt sich ohne Übertreibung sagen - umfängt den Besucher, der sich nach der 2005 abgeschlossenen, erneuten Kirchenrenovierung an einem schönen Sommernachmittag auf einen Gang durch das sonnendurchflutete Kirchenschiff einlässt. Ein warmes, gebrochenes Weiß und helles Ocker kontrastieren mit den rot hinterlegten Kapitellen, in denen sich die Farbe der Bodenfliesen wiederzuspiegeln scheint. Der schlicht, aber freundlich gestaltete Vorraum senkt nicht nur die Hemmschwelle für "Laufkundschaft", sondern dient etwa nach Konzerten für zwanglose Gespräche bei einem Glas Wein. (In wievielen anderen Kirchen gibt es nicht noch jene muffige "Seelenschleuse", die eher an den Eintritt ins Fegefeuer gemahnt?)
Die leergeräumten Seitenschiffe weiten den Raum optisch und bieten Flächen für Kunstpräsentationen. Die Chorkirche mit ihren Reliefs (sie waren aus reformerischem Übereifer bis 1977 hinter Putz versteckt) bietet intimen Platz für Werktagsmessen und den festlichen Evensong, den es seit September 2005 einmal im Monat Sonntags um 18 Uhr gibt. Die intensivste spirituelle Anmutung strahlt aber die neu gestaltete Taufkapelle mit "Brunnen", Repositorium für die heiligen Öle und Täuflingsgalerie aus. Und wenn heute nach Einbruch der Dämmerung zahlreiche Strahler nach klug durchdachtem Konzept die Kirche in ein wohltuend warmes Licht tauchen, wundert sich mancher Besucher, wie anheimelnd ein Gebäude wirken kann, das ursprünglich für "Fließbandmessen" einer Gemeinde von 15 000 Seelen konzipiert war. Indirektes Licht ist es auch, dass die drei Westportale bei Nacht zwischen all den Schaufenstern der Umgebung wie die Pforten einer Oase der Ruhe wirken lässt. | | | Literatur
- Stefan Rau (Herausgeber): 100 Jahre St. Joseph Münster 1905-2005. Münster 2005. (ohne ISDN) erhältlich im Pfarrbüro
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