| Hamburg - Inzwischen ist es fast ein Massenphänomen geworden: Viele Wirtschaftswunderorgeln aus der Nachkriegszeit haben ihr tatsächliches (oder oft auch nur gefühltes) Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten. Die heute aktive Kirchenmusikergeneration stellt stilistisch andere Ansprüche als die Walcha-Erben - und deshalb muss in vielen Kirchen ein neues Instrument her.
Doch wohin mit der alten Kiste? Zum Verschrotten sind die meisten der ausgemusterten Instrumente zu schade. Immerhin haben die Geschmacksretouren oft bis zum letzten Tag ihren Dienst in Liturgie und Konzert geleistet - wenn auch nicht ohne alterbedingte Gebrechen. Der Weg der Wahl führt in der Regel gen Osten. Zwischen Oder und Memel gibt es zahlreiche Gemeinden, die während der Diktatur der Stalinorgel sich gar kein Instrument leisten konnten und seit der Wende durchaus Mittel für abgelegte Wohlstandsorgeln haben.
Die Kemper-Orgel der Hamburger Hauptkirche St. Katharinen ist so ein typisches "Opfer" einer Luxussanierung. Für 25 000 Euro ging das 75 Register umfassende Instrument jetzt an die katholische Gemeinde im polnischen Ostseebad Jastrzebia Góra, wo sie für 350 000 Euro saniert wird. Für diesen Betrag (den Neupreis einer mittleren Dorforgel) wäre sie auch in Deutschland wieder zukunftsfähig geworden. Das hätte aber etliche Prominente hierzulande um die Chance gebracht, ihren Namen im Ruhme Johann Sebastian Bachs zu sonnen, denn ihm ist der von der niederländischen Firma Flentrop ausgeführte Neubau gewidmet.
Vermittelt hat den Ankauf kein geringerer als der polnische Komponist Krzysztof Penderecki, der in dem Ostseebad seine Ferien verbringt und der dem befreundeten Pfarrer empfahl: "Sofort kaufen!" Ausführlich berichtet wird über den Ost-Transfer (das bislang in Polen vorhandene Instrument geht übrigens an eine orgellose Gemeinde in der Ukraine) im Onlinedienst des "Spiegel". Das Hamburger Leitmedium, das zu christlichen Feiertagen seine inzwischen recht gutbürgerlich gewordene Leserschaft gerne mal mit kirchenaffinen Themen beglückt, hat übrigens einen ganz speziellen Grund, gerade dieses Projekt lobend zu erwähnen: An den Kosten von 2,5 Millionen Euro für die neue Katharinenorgel hat sich auch die "Rudolf Augstein GmbH" beteiligt. Während alteingesessene Hanseaten traditionell nach der Devise handeln: Zahle und schweige, heisst das Motto bei Neureichs: Zahle und schreibe.
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<11. Mai 2008> |