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Aktuelles aus der Orgelwelt (2005-2014)

Kamen - Es gibt einen Cartoon mit einem dicken kleinen Wikinger namens "Hägar der Schreckliche", in welchem der Angst verbreitende Hornhelmträger von seiner Frau zur Weißglut gebracht wird. Sie nennt ihn "Hägar der Mittelprächtige". Die Handbücher der Orgelmusik sind voll von solchen Hägars.

Die Musikgeschichte schreitet (besser gesagt: schritt, denn derzeit ist Stillstand) in Quantensprüngen voran. Neben Ikonen wie Bach und Messiaen, denen man sich auch heute noch vorwiegend auf Knieen nähert, gibt es eine Reihe von Nebengöttern wie Max Reger, die die Entwicklung von Formenbau und Harmonik vorangetrieben haben wie das Rezitativ die Handlung in der Oper. Und es gibt die Masse der Epigonen, die das unendliche Kontinuum zwischen den Meilensteinen mit mehr oder weniger gediegenem Füllmaterial ausgestattet haben.

Zu ihnen gehören neben könnerhaften Nostalgikern wie Karg-Elert und virtuosen Kontrapunkt-Knackern (Middelschulte, Nielsen) viele solide Handwerker, die in der heutigen, französisch dominierten Konzertpraxis keine Rolle spielen. Ahrens, Kaminski, Raphael - und viele andere.

Den Namen Gerard Bunk sucht man in der siebten Auflage von Reclams Orgelmusikführer vergeblich - desgleichen in der Wikipedia. Im Gegensatz zu vielen seiner Zeitgenossen hat der vor genau einem halben Jahrhundert verstorbene Dortmunder Reinoldikantor aber das Glück, daß sich eine engagiert und fachkundig geführte, eingetragene Gesellschaft mit einem mustergültig gestalteten Online-Auftritt um sein Werk kümmert.

In Bunks Sterbestadt Kamen hatte der Vereinsvorsitzende Wolfgang Stockmeier zu einem Spaziergang zu drei Kirchen mit ganz unterschiedlichen Instrumenten eingeladen, die auf je eigene Weise eine klangliche Realisierung ausgewählter Kostproben aus Bunks Orgel-opus ermöglichten. Bei Orgelkomponisten der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts kam ja erschwerend hinzu, daß sie in einer Zeit des doppelten, gemeinerweise auch noch gegenläufigen Paradigmenwechsels lebten. Während in der Tonkunst der Einbruch der "Moderne" alle Normen auf den Kopf stellte, wurde die gerade auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung angekommene "moderne Orgel" (Hans Fidom) von einer seltsamen Allianz von Theo- und sonstigen Ideologen in eine Phase des normenkontrollierten, hypothetischen Historismus zurückgebeamt, die in ihren Fernwirkungen bis heute anhält. Ob ein Max Reger diesen Wechsel künstlerisch überlebt hätte, wenn er ihn biologisch erlebt hätte? Bunk hat ihn zumindest er-lebt.

Nimmt man das in Kamen Erklungene als pars pro toto, muss man sich bewußt sein, daß vieles aus dem "totum" noch unpubliziert ist. Auf dieser schmalen Basis lässt sich mit einer gewissen Irrtumswahrscheinlichkeit verkünden: Bunk war zunächst ein gediegener Handwerker, dessen kurze Choralvorspiele stimmführungstechnisch manches überragen, was heute in amtlichen wie halbamtlichen Orgelbüchern geboten wird.

Nicht ganz so überzeugend wirken seine Charakterstücke. Bei freier Formenwahl neigt er zum Kleben am glücklich gefundenen Detail, zu elaborierten Redundanzen, die nicht immer architektonisch stringent wirken. Dort, wo ein Prokrustesbett traditioneller Gestaltungsprinzipien einen dicken roten Formfaden bietet, läuft er hingegen zu seiner persönlichen Hochform auf.

In Kamen war dies in der Bearbeitung des altniederländischen Volkslieds op. 31 der Fall. Hier waltet die "ruhige und plastische Anlage des Ganzen", die in der von der Ausdehnung her vergleichbaren Legende op. 29 "so wohlthuend im Vergleich zu der Formlosigkeit und Unruhe anderer Komponisten" auf einen Zeitgenossen wie Albert Schweitzer gewirkt hatte. Im übrigen muss man sich immer vor Ohren halten, daß Bunk mehr in der Tradition der niederländischen als der deutschen Orgelromantik steht. Kennt die jemand hierzulande?

Daß in Kamen drei Instrumente ganz unterschiedlicher Stilistik in Fußgängerzonenlage zur Verfügung stehen, ist ein Glücksfall. Die von außen frisch geweißte, innerlich in Ehren ergraute Lutherkirche verfügt mit ihrer Weigle-Orgel von 1895 über einen Orgeltyp, mit dem versucht wurde, das erwähnte Prinzip der "modernen Orgel" auf ein kleines Gebrauchsinstrument herunterzubrechen. In der Tat: der Klang der 14 Register lässt sich fast so bruchlos modulieren wie bei großen Sauer-Orgeln. Ob die erstaunliche Lautstärke des zungenlosen Werks mit der schon von Zeitgenossen (Rupp!) gegeißelten Hochdruck-Tradition der Erbauerfirma zu tun hat, steht dahin.

In der ebenfalls evangelischen Pauluskirche (einem überdimensionalen Betsaal von wenig anheimelnder Atmosphäre) steht eine moderne Orgel aus der Werkstatt Alfred Führers von 1982. Das singende Metallgedackt im Rückpositiv und das kernig-kompakte, niemals aufdringliche Plenum verraten die Handschrift der Ära Fritz Schild, die ja nun leider - zumindest kaufmännisch - Geschichte geworden ist.

In der kath. Pfarrkirche zur Heiligen Familie schließlich waren die Bänke noch warm von der Vorabendmesse, und die milde Sommersonne erhellte die neugotische Ausstattung. Dazu paßte die Klais-Orgel von 1934 mit dem zeittypischen Freipfeifenprospekt und den kernseifenkatholischen Mensuren. Wolfgang Stockmeier - der Retter der vergessenen Orgelmeister der Romantik - bot einen grundsoliden Zugriff auf die 20-Minuten-Variationen, der sich spektakulärer Ausfälle in Klanggebung, Dynamik und Tempo enthielt. Eine kleinere Registrierpanne mag dem dreifachen Insrumentenwechsel innerhalb einer Stunde geschuldet sein.

Spektakulär wirkt hingegen das Diktum, das kürzlich aus der Feder Stockmeiers >>> über einen "jungen Mann mit kaum vorhandener Kompetenz und völlig ohne Pietät" überliefert wurde. Es geht um die größte erhaltene originale "Bunk"-Orgel in der Dortmunder Reinoldikirche. Der dortige Stelleninhaber, auf den die zitierten Worte offenbar gemünzt sind, propagiert eine Eliminierung der stark reparaturbedürftigen Walcker-Orgel aus Bunks Todesjahr zugunsten eines kompletten Neubaus. Sollte das Vorhaben Realität werden, dann bahnt sich ein Vorgang an, den spätere Generationen als "Dortmunder Orgelmord" in Erinnerung behalten werden. Dagegen ein deutliches Wort zu erheben, ist nicht nur legitim, sondern auch notwendig. Denn es gilt bekanntlich: "In Gefahr und Not, bringt der Mittelweg den (Orgel-)Tod." <© Michael Hochgartz>

16. August 2008: Wolfgang Stockmeier spielt Werke von Gerard Bunk >>> an der Weigle-Orgel der Lutherkirche*, der Führer-Orgel der Pauluskirche** und der Klais-Orgel der kath. Kirche Hl. Familie*** in Kamen.

Jauchzt, alle Lande, Gott zu Ehren *
Befiehl du deine Wege *
Charakterstücke op. 54 - 7. Canzone G-Dur*
aus den Orgelstücken op. 65
- 1. Stimmungsbild f-Moll **
- 3. Consolation f-Moll **
- 4. Melodie H-Dur **
Einleitung, Variationen und Fuge über ein altniederländisches Volkslied op. 31 ***

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